Folgendes schrieb die Roth-Hilpoltsteiner Volkszeitung zu der Gedenkveranstaltung des AWO Ortsverbandes Roth:
Gedenkveranstaltung an die jüdische Gemeinde Roth und Vorstellung eines maßstabsgetreuen Modells der Rother Synagoge
ROTH (un) - Vor 68 Jahren fanden in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 in ganz Deutschland Pogrome gegen Juden statt. Zahllose jüdische Geschäfte und Wohnungen wurden zerstört und geplündert und weit über 400 jüdische Mitbürger ermordet. Ab dem 10. November wurden rund 30 000 jüdische Deutsche in Konzentrationslager verschleppt und ermordet. In Roth fielen mindestens 15 Bürger jüdischen Glaubens, darunter der letzte Kultusgemeindevorsitzende Abraham Gutmann, der Shoa zum Opfer.
In einer Gedenkveranstaltung erinnerte der AWO-Ortsverein Roth an die ermordeten Rother Shoa - Opfer. Gleichzeitig stellte der Heimatkundler Ralf Rossmeissl ein maßstabsgetreues Modell der ehemaligen Rother Synagoge vor, das auf der Basis intensiver Archivrecherchen von der Modellbauabteilung der AWO - Therapie mit Museum im Schloss Cronheim bei Gunzenhausen erstellt worden ist.
AWO - Vorsitzender Ernst Rossmeissl erinnerte daran, dass es lange gedauert habe, bis jemand den Mut gefunden hat, die Rother Geschichte der Judenverfolgung aufzugreifen. 1996 habe sein Sohn Ralf eine Dokumentationsausstellung in der Kulturfabrik initiiert, die ein voller Erfolg geworden sei. "Über 3500 Bürger besuchten die Ausstellung, zu der auch ein Begleitbuch erschien", blickte Rossmeissl zurück.
"Es war ein unbeschreiblicher Leidensweg, den die jüdischen Mitbürger gehen mussten", sagte Rossmeissl. "Sie wurden vertrieben, die Mehrheit von ihnen wurde von den Nazi-Schergen umgebracht." Roth sei eine der ersten Städte gewesen, wo der Ortsgruppenleiter der NSDAP, Karl Merkel, seinem "Götzen" Julius Streicher am 4. Januar 1936 berichten konnte: "Roth ist judenfrei."
Ernst Rossmeissl erinnerte an die standhaften Rother Sozialdemokraten Xaver Meisinger, Michael Brunner und Hans Schroll, die 1938 in das KZ Dachau eingeliefert wurden. "Auch 60 Jahre danach stellen wir uns die Frage : Wie konnte das in einem zivilisierten Land wie Deutschland passieren?", sagte Rossmeissl. "Wir gedenken in Trauer der 6 Millionen ermordeten jüdischen Mitbürger, der politischen Häftlinge, den Geistlichen, die umgekommen sind und den Widerstandskämpfern, die ihr Leben lassen mussten."
In seinem Gedenkvortrag sagte Ralf Rossmeissl, dass Roth vom Novemberpogrom nicht betroffen gewesen sei, da sich die verbliebene kleine Gemeinde nicht zuletzt wegen antisemitischer Ausschreitungen schon zwischen 1933 und 1938 aufgelöst hatte, einige auswanderten oder in Städten wie Nürnberg Zuflucht suchten. In der bereits vorher legal verkauften Rother Synagoge sei lediglich für einen Zeitungsartikel eine Schändung "liebevoll" inszeniert worden.
Ralf Rossmeissl stellte namentlich die 15 gebürtigen jüdischen Shoa-Opfer aus Roth vor und erinnerte an jüdische Persönlichkeiten wie Jacob von Roth, der um 1560 den jüdischen Friedhof in Georgensgmünd gründete, und an Hermann Großhut, der die Anfänge der Leonischen Industrie in Roth mit gestaltete.
Leider sei der Name Roth auch mit einer anderen grausamen Tatsache aus der Zeit der industriellen Verwertung von ermordeten Juden verbunden, nämlich der Verwertung von jüdischen Haaren aus verschiedenen Vernichtungslagern wie Auschwitz. In der dortigen Gedenkstätte könne man eine Transportliste mit mehreren Haarlieferungen an die Rother Alex-Zink-Filzfabrik einsehen.
Primo Levi, ein italienischer Auschwitzüberlebender, Buchautor, Dichter und Industrielle aus Turin, hat kurz vor seinem Freitod 1987 aus jener grausigen Rother Geschichtsepisode ein exemplarisches Gedicht für die Menschlichkeit geschrieben, gegen das eine Klage aus Roth eingereicht wurde, die jedoch bei etwa zeitgleicher Liquidierung des Rother Betriebes im Sande verlief. Fr. Maas aus Büchenbach las dieses Gedicht in der italienischen Originalsprache vor, Ralf Rossmeissl zitierte die deutsche Übersetzung.
Abschließend stellte Ralf Rossmeissl ein anderes Ergebnis der Erinnerungsarbeit an die jüdische Geschichte Roths vor. In der Langzeittherapieeinrichtung für alkoholkranke Männer und Frauen des AWO - Kreisverbandes Roth - Schwabach im Schloss Cronheim bei Gunzenhausen wurde im Jahr 2000 ein Museum eingerichtet, das - betreut von den Bewohnern und eingebunden in die Therapie - das dörfliche Zusammenleben von Christen und Juden über Jahrhunderte zeigt.
"Bald bauten wir dort auch eine erfolgreiche Therapiewerkstatt auf, in der wir mit engagierten Heimbewohnern und Werkstattleitern die Archivkenntnisse zum Beispiel zur Synagoge Roth in maßstabsgetreue detailgenaue Modelle umsetzen, die dort im Museum gezeigt werden", berichtete Rossmeissl. "Eindrücklich zeigt dieses Modell, in welcher beinahe barocken Heiligkeit dereinst auch in Roth von Juden Gott geheiligt wurde, wenn sie nach einer meist langen Händlerwoche zum Schabbatbeginn heim kamen in ihre Häuser am Kugelbühlplatz."
Nach einer ausführlichen Vorstellung des Modells der ehemaligen Rother Synagoge übergab Ralf Rossmeissl ein Thoramäntelchen aus Roth an Bürgermeister Richard Erdmann für das Rother Stadtmuseum.
ROBERT UNTERBURGER
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